BOHEMIA LIES BY THE SEA – SATELLITENPROJEKT
- Julia Bugram
- 10. März
- 5 Min. Lesezeit
Wie bereits in meinem Newsletter angekündigt, bin ich gemeinsam mit den folgenden Künstlerinnen -
Julia Dorninger, Julia Hovorka, Marion Kilianowitsch, Noémi Kiss, Gabriele Kutschera, Dora Mai, Teresa Maria von Matthey, Viktoria Morgenstern, Lea Radatz, Michaela Schwarz-Weismann, Birgit Schweiger, ISA Stein, Hannah Stippl, Heike Stuckstedde, Billi Thanner - eingeladen an der Frauenbiennale in Triest (BID Biennale Internationale Donna) am Satellitenprojekt teilzunehmen die von 27.März 2026 - 03.Mai 2026 stattfindet. Anbei findest Du den ausführlichen Text der Kuratorin Marlene Elvira Steinz.
Über Licht, Sehnsucht und das Paradox des Ortes
Das Satellitenprojekt der 5. Biennale Internazionale Donna (BID) in Triest greift den Begriff des Satelliten – ursprünglich satelles, das lateinische Wort für „Begleiter“ oder „Gefährte“ – als Metapher für Verbindung, Beobachtung und Austausch auf. Historisch als „künstlicher Mond“ verstanden, umkreist der Satellit einen Zentralkörper und bewahrt zugleich seine eigenständige Existenz. Diese Dualität bildet den zentralen kuratorischen Bezugsrahmen: das Prinzip von Umlauf und Nähe, von Senden und Empfangen, von Autonomie und Relationalität.
Übertragen in den künstlerischen Raum wird der Satellit zur Botschafterfigur. Die österreichischen Beiträge fungieren als solche künstlerischen Satelliten: Sie entspringen ihrem eigenen kulturellen Kontext und treten zugleich in Dialog mit dem internationalen Umfeld Triests. Sie übertragen Fragestellungen, Impulse und Sensibilitäten über geografische, soziale und symbolische Grenzen hinweg. Ein Satellit überbrückt Distanzen – ebenso schaffen die hier präsentierten Werke Verbindungen zwischen der österreichischen Kunstszene und den vielfältigen Publika der BID.
Österreich war in den vergangenen Ausgaben kontinuierlich auf der BID vertreten, traditionell im Magazzino 26 im Porto Vecchio. Dieses Jahr markiert einen entscheidenden Schritt: Erstmals präsentiert Österreich ein eigenständiges Satellitenprojekt. Diese kuratorische Erweiterung ermöglicht größere konzeptuelle Klarheit und Tiefe. Die beteiligten Künstlerinnen formulieren präzise, innovative Positionen, die globale und existenzielle Fragen aus zeitgenössisch weiblichen und feministischen Perspektiven reflektieren. Ihre Arbeiten fungieren als Übertragungsorte gesellschaftlicher, ökologischer und emotionaler Diskurse und tragen diese aus Österreich in den kulturellen Orbit Triests. Drei österreichische Künstlerinnen sind zugleich in der internationalen Ausstellung im Magazzino 26 vertreten und bilden damit eine unmittelbare Verbindung zwischen dem zentralen Ausstellungskern der Biennale und dieser Satellitenkonstellation.
In diesem Kontext erscheint Kunst von Frauen nicht als Randphänomen, sondern als aktive Begleiterin der Gegenwartsgesellschaft – in stetigem Austausch über Medien, Daten, Emotionen, Imaginationen und geografische Räume hinweg.
Bohemia by the Sea – Eine utopische Setzung
Der Titel der 5. BID, LA BOHEMIA STA SUL MARE („Böhmen liegt am Meer“), verweist auf mehr als eine geografische Unmöglichkeit. Er eröffnet eine literarische, historische und philosophische Reflexion. Die Biennale verknüpft das paradoxe Küsten-Böhmen aus Shakespeares "The Winter’s Tale" mit Ingeborg Bachmanns kraftvoller Neudeutung dieses Unmöglichen in ihrem Text "Böhmen liegt am Meer" (1964). In der besonderen Atmosphäre von Portopiccolo Sistiana wird das Unwahrscheinliche zum Denkraum des Poetischen und Möglichen.
In Bachmanns Lesart verwandelt sich das Paradox in einen utopischen Ort – einen imaginären Raum für jene, die ihren Halt verloren haben. Dieser Ort existiert auf keiner Landkarte; er entsteht durch Sprache, Imagination und Vertrauen. Ein Raum, in dem Fallen nicht Zerstörung bedeutet, sondern Ankommen – ein Ankommen auf einem neuen Grund, von dem aus Erneuerung möglich wird. Diese Erneuerung speist sich aus Solidarität, Empathie und der geteilten Verletzlichkeit jener, die sich jenseits konventioneller Narrative bewegen.
Das Satellitenprojekt greift diese Idee auf und erweitert sie um den Geist der historischen Bohème – jener Gemeinschaft von Künstler:innen, Denkenden und Außenseiter:innen, die kreative Freiheit über materielle Sicherheiten stellten. Nostalgie und Sehnsucht, oft als Eskapismus missverstanden, erscheinen hier als produktive Kräfte: als Instrumente, um Wirklichkeit neu zu denken und alternative Zukunftsbilder zu entwerfen. Für die österreichischen Künstlerinnen manifestiert sich dies im Motiv des Lichts, in einer aufmerksamen Auseinandersetzung mit Natur und Erinnerung sowie in künstlerischen Praktiken, die Hoffnung als gestaltende Energie begreifen.
Licht als Materie, Energie und Prinzip
Im Zentrum der Ausstellung steht die Frage nach dem Wesen des Lichts. Licht zählt zu den rätselhaftesten Phänomenen menschlicher Erfahrung. Es ist Grundlage allen Lebens: Das Sonnenlicht (lux) liefert die Energie, aus der Organismen ihre Vitalität beziehen. Physikalisch offenbart Licht eine doppelte Natur – als Welle und als Teilchen –, es bewegt sich mit enormer Geschwindigkeit als Energiequant und bleibt doch unsichtbar, bis es auf Widerstand trifft. Erst durch Reflexion und Brechung entfaltet es sich in Farbe und wird dort sichtbar, wo es auf materielle Welt stößt.
Dieses Zusammenspiel von Sichtbarkeit und Widerstand reicht über die Physik hinaus in die Biologie hinein. Die Forschung zu Biophotonen zeigt, dass Licht in unseren Zellen präsent ist: Lebendige Organismen nehmen Information aus natürlichem Licht auf und emittieren selbst Licht. In diesem Sinne sind wir Lichtwesen – resonant, strahlend und kosmisch verbunden. Wir entstehen aus Licht, stehen mit ihm in Wechselwirkung und kehren letztlich zu ihm zurück.
Künstlerische Praxis: Sichtbare Unsichtbarkeit
Die Kunstgeschichte hat Licht nie nur als Beleuchtung verstanden, sondern als Bedeutungsträger: vom Goldgrund mittelalterlicher Ikonographie über das dramatische Chiaroscuro des Barock bis zu den entmaterialisierten Formen des Impressionismus und den Lichtinstallationen der Gegenwart. Die österreichischen Künstlerinnen dieses Satellitenprojekts führen diese Traditionen in die Gegenwart fort.
Mit fluoreszierenden Objekten, leuchtender Malerei, skulpturalen Arbeiten aus Metall und Textil, immersiven Videos, raumgreifenden Klanginstallationen und performativen Formaten untersuchen sie, was als „sichtbare Unsichtbarkeit“ beschrieben werden kann. Licht wird zur Substanz und zur Botschaft zugleich. Die Werke fordern eine sinnliche und intellektuelle Auseinandersetzung, in der Ambivalenz nicht als Hindernis, sondern als Einladung verstanden wird.
Fragilität als Form von Stärke
In einer Zeit globaler Unsicherheit rückt diese Ausstellung "Fragilität" als kraftvolle Gegenbewegung ins Zentrum – als Ausdruck emotionaler Wahrheit, nicht als Schwäche. Sehnsucht, Melancholie und Verletzlichkeit artikulieren den Wunsch nach Verbindung, Authentizität und Fürsorge. Sie weisen auf eine Form von Resilienz hin, die nicht in Härte, sondern in Sensibilität gründet.
Zeitgenössische philosophische Ansätze betonen die geteilte Verletzlichkeit als menschliche Grundbedingung. Vergebung, Offenheit und emotionale Integrität können zu Akten des Widerstands gegenüber Systemen der Dominanz werden. Hoffnung muss daher mit der Fragilität des Lebens in Einklang stehen. Aus ihr erwachsen neue Denkweisen und neue Wege in die Zukunft.
In dieser Ausstellung wird künstlerische Praxis zu einem Raum, in dem das Unsagbare Sichtbarkeit gewinnt. Die versammelten Werke verleihen emotionalen Energien Form und verbinden Menschen über Geschlechter, Kulturen und Geschichten hinweg – Fragilität erscheint als produktive, schöpferische Kraft.
Ein Manifest des Lichts
BOHEMIA LIES BY THE SEA im Rahmen des österreichischen Satellitenprojekts lädt dazu ein, das Unmögliche zu imaginieren, der transformierenden Kraft des Lichts zu vertrauen und Fragilität als schöpferische Ressource zu erkennen. Es ist eine Einladung zum Innehalten, zum Fühlen, zur Neuorientierung – zum Wiederfinden des eigenen Standpunkts.
Diese Biennale steht als leuchtendes Manifest für Frauen in der Kunst. Ihre Präsenz ist unübersehbar: intellektuell präzise, emotional vielschichtig und kulturell unverzichtbar. Das Satellitenprojekt verstärkt diese Stimmen und verortet sie im erweiterten Kontext der Biennale Internazionale Donna.
Diese Ausstellung zu kuratieren und damit zum vitalen Engagement der Biennale für Frauen in der Kunst beizutragen, war mir eine besondere Freude.




