"Frauen"biennale in Triest?
- Julia Bugram
- 20. Mai
- 6 Min. Lesezeit
Patriarchat & Gaslighting - ein kollektiver Erfahrungsbericht
Dieser Text richtet sich an alle Feminist*innen – in der Kunst und im Leben.
Im Frühjahr 2025 bewarb ich mich bei der Triester Frauenbiennale - BID (Biennale Internationale Donna) – der weltweit einzigen(!) ihrer Art in Italien, kuratiert unter dem vielversprechenden Titel „Nostalgia“.
Drei Monate später wurde ich angenommen. Damit kamen Aufregung, Auftrieb, ein Gefühl von Möglichkeiten. Ich schickte eine Dankesmail und bat um weitere Details.
Und wartete.
Wochen wurden zu Monaten. Bis Dezember: nichts. Kein Wort. Keine Antwort. Kein Zeichen.
War ich tatsächlich ausgewählt worden – oder war alles ein Irrtum?
Ich schrieb erneut, von verschiedenen E-Mail-Adressen, falls etwas schiefgelaufen war. Spam-Ordner vielleicht? Technische Fehler? Doch jeder Versuch – neue Nachrichten, neue Kanäle – verlief im selben Schweigen.
Dann, im Dezember 2025, endlich: ein Lebenszeichen. Eine Anfrage nach Details zu meiner Arbeit.
Die Ironie: Meine Arbeit war bereits eingereicht, vollständig dokumentiert. Und doch wurde klar, dass zentrale Informationen nie vermittelt worden waren. Erst in einem Telefonat konnte ich erklären, worum es in der Arbeit tatsächlich ging. Hatte ich nicht alles offengelegt? Was war verloren gegangen – und wie?
Im Mai 2025 hieß es noch, die Biennale würde im September 2025 eröffnen. Im Dezember 2025 war wieder alles ungewiss: kein Datum, keine Klarheit. Nur vage Prognosen.
Weitere Wochen vergingen. Stille.
Meine anfängliche Begeisterung begann zu kippen. Zweifel schlichen sich ein und ersetzten langsam die Euphorie. Ich sprach mit anderen Künstlerinnen und Kuratorinnen. Kopfschütteln. Verwirrung. Warnungen. „Lass es“, wurde mir mehr als einmal gesagt.
Ich blieb – skeptisch.
Was war das für eine Biennale? Wer stand dahinter? Das polierte Design, das überzeugende Thema – alles wirkte von außen professionell, zu durchdacht, um derart instabil zu sein.
Dann, Anfang Februar 2026, der Bruch: Endlich wurde ein Datum festgelegt. Doch die Website hatte sich verändert. Neue Farben. Neues Design. Und der Name der Kuratorin? Verschwunden. Sie war nicht mehr da.
Ich frage mich immer wieder – wo war sie plötzlich? Wurde sie ebenfalls zum Schweigen gebracht? Warum ist sie gegangen? Ging es auch hier um Macht?
An ihrer Statt: nun ein Mann. Mit ihm kamen ein neues Thema, ein neues Design, ein neuer Ort.
Wo zuvor eine italienische und eine österreichische Kuratorin Seite an Seite, ohne Hierarchie gearbeitet hatten – beide gleichberechtigt als „Kuratorinnen“ genannt – vollzog sich nun eine Verschiebung.
Der männlich Neuzugang stellte sich plötzlich als „Lead Curator“ vor. Dies wurde jedoch nirgends zuvor Kommuniziert - plötzlich hab es eine Hierarchie, die scheinbar stillschweigend installiert, eine neu Richtung vorgegeben wurde. So wurde weniger als zwei Monate vor der Eröffnung einer Frauenbiennale alles neu geschrieben: die kuratorische Leitung, das Thema, das Manifest. Sogar der Standort.
Und plötzlich ging es nicht mehr um die Sichtbarkeit von Frauen – sondern darum, den Begriff der „Frau“ selbst zu dekonstruieren.
Eine Biennale, die für die Sichtbarkeit von Frauen* in der Kunst eintreten sollte, begann sich dafür zu entschuldigen, das Wort „Frau*“ überhaupt zu verwenden. Anstatt sich zu erweitern Intersektionalität und somit queere Perspektiven einzubeziehen(!), schienen Frauen nun systematisch unsichtbar gemacht zu werden.
Es wurde zunehmend absurd – ein Schlag ins Gesicht für all jene, die von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen sind, bzw. in weiblichen* Realitäten leben. Dieses neue Manifest war und ist eine Farce.
Gleichzeitig wurde uns – den teilnehmenden Künstlerinnen – mitgeteilt, dass sich für uns der Ausstellungsort geändert habe. Nicht mehr der alte Hafen von Triest, sondern ein anderer Ort – undefiniert, unklar. Keinerlei Begründung oder Erklärung die zu dieser Entscheidung geführt habe.
Von uns wurde nun erwartet, dass wir unsere Arbeiten selbst transportieren und installieren sollten. Im Namen von „Befreiung“ und „Rechten“ geschahen hinter den Kulissen Dinge, die wir nicht nachvollziehen konnten und die auch weiterhin nicht kommuniziert wurden – und das fühlte sich alles andere als feministisch an.
Bedingungen? Unbekannt. Maße? Keine. Räume? Undefiniert. Ort? Nicht einmal mehr eindeutig Triest. Irgendwie alles unklar. Wir waren eingeladen worden – ins Nichts.
In ein Konzept ohne Körper. In eine Ausstellung die nun ohne Raum war. In eine Struktur ohne Verantwortung.
An diesem Punkt wusste ich: Du musst gehen.
Du musst gehen.
Aber mein Name ist nicht der eines berühmten Mannes.
Und so blieb ich – zu lange – gefangen in der Frage, was die Alternative sein könnte.
Ich entschied mich zu bleiben. Zu bleiben, weil ich mich nicht verdrängen lassen wollte. Weil wir uns nicht verdrängen lassen wollten, so wie es mit Frauen* in der Geschichte laufend geschieht.
Doch zu diesem Zeitpunkt war es bereits Mitte Februar. Die Maße der Galerie waren immer noch unbekannt. Der Ort lag inzwischen 30 Minuten (mit dem Auto!) von Triest entfernt – in einer Enklave der Wohlhabenden.
War es das wert?
Einen Monat vor der Ausstellung wurde uns mitgeteilt, dass keinerlei Equipment bereitgestellt werden könne – und dass meine Arbeit aufgrund der neuen räumlichen Bedingungen überhaupt nicht gezeigt werden könne.
Eine E-Mail des "Lead Curator" schlug vor, dass wir unsere Arbeiten anpassen sollten – als Frauen, darauf trainiert, gefügig und entgegenkommend zu sein, wie ich unwillkürlich dachte.
Also stellten wir etwas anderes aus.
Zusätzliche Stunden. Zusätzliche Arbeit. Zusätzliche Kosten.
Was war also der Sinn einer Bewerbung – wenn sich ohnehin alles ändern würde?
Was war der Sinn einer fünfköpfigen! Jury – wenn Einladungen letztlich durch eine Person geändert und über Bevorzugung vergeben wurden?
Was war der Sinn von all dem – wenn von uns erwartet wurde, uns kleiner zu machen, leiser, weniger sichtbar?
Aus den Augen, aus dem Sinn: 15 Künstlerinnen mussten den neuen Ideen eines männlichen "Lead Curator" Platz machen.
Sie trugen die Kosten, die zusätzliche Arbeit, die emotionale Belastung – nur um sich in einer abgelegenen Galerie, fern jeder Sichtbarkeit, unbezahlt zu verkleinern.
An ihrer Stelle wurden 15 weitere Teilnehmer*innen als „Gäste“ eingeladen – ohne einem Juryprozess (von dem wir wüssten). Ohne eine Klärung wie es hierzu kam.
Die Präsidentin der BID blieb still.
Wurde all das überhaupt anerkannt? War das wirklich alles?
Das war Gaslighting in seiner reinsten Form – eingebettet in ein Gefüge, das angeblich gegen Gewalt an Frauen steht, sie aber strukturell, wie persönlich reproduziert und widerspiegelt. Das Persönliche ist politisch.
Unzählige E-Mails wurden abgetan. Kritik wurde als „zu emotional“ abgestempelt – eine vertraute Strategie.
Was blieb, war eine fragile Fassade: eine polierte Oberfläche, die eine zutiefst fehlerhafte Realität verbarg.
Wir kennen dieses Muster. Als Frauen* kennen wir es gut.
Wenn wir klein gemacht, beiseitegeschoben oder gedemütigt werden – von Vorgesetzten, von Kund*innen, von Partnern – steht oft zu viel auf dem Spiel, um Widerstand zu leisten. Abhängigkeit macht stumm.
Die Bilder hängen. Lächelnde Fotos zirkulieren auf Instagram und online. Und niemand sieht, was hinter den Kulissen geschieht. Ein absurdes Bild, dass sich abzeichnet.
Die Behandlung von Künstlerinnen innerhalb einer Frauenbiennale spiegelt wider, was so viele Frauen* täglich erleben: Ihre Anliegen werden in den privaten Raum gedrängt. Ihre Wut wird als „emotional“ abgetan. Ihre Leistungen werden minimiert – unsichtbar gemacht, gedämpft. Ihre Kritik als unberechtigt - es wird gegaslighted.
Unsere Arbeiten hängten nun in Portopiccolo – einem kleinen, verborgenen Hafen.
Ich hoffe, sie hallten laut über die Distanz hinweg – zu unseren Kolleg*innen in Triest.
Das in Triest zur Eröffnungsrede ein weiterer Mann auf Italienisch über 67 internationale KünstlerINNEN als KÜNSTLER in der männlichen Form gesprochen hat schien zu unserer großen Irritation auch niemanden auf einer "Frauen"biennale zu stören.
Ich bin im falschen Film.
Auf einen abschließenden Versuch die zahlreichen Missstände anzusprechen und teilweise zu klären wurde wieder mit Gaslitghting reagiert - eine Unverschämtheit, die unsererseits an den Tag gelegt wurde. Unkooperativ seien die österreichischen Künstlerinnen -man(n) sei enttäuscht! Eine klassische "Opfer-Täter-Umkehr".
Große Irritation nach diesen Erfahrungen bleibt.
Ich hoffe diese Worte hier lenken etwas Aufmerksamkeit auf das Unrecht, das hier geschehen ist.
Und ich hoffe, sie erinnern uns daran, dass Widerstand nur gemeinsam möglich ist – egal, wer uns lockt. Auf eine Tanzfläche, oder ins Rampenlicht einer Ausstellung: Wir müssen genau hinschauen, auf die ausgestreckte Hand, und uns fragen, ob sie eine Partnerschaft sucht auf Augenhöhe – oder unsere Unterwerfung verlangt.
Vielleicht ist es inzwischen irgendwie „modern“ oder sogar „feministisch“ geworden, Arbeiten zu zeigen – doch das bloße Benennen macht es nicht so. Vielleicht zeigt das Zeugnis dieser Ereignisse, wie entscheidend echte, aktive feministische Arbeit ist – und warum es wichtig bleibt, zu berichten, zu teilen und den Kampf gegen Ungerechtigkeit fortzusetzen.
Gewonnen haben wir jedenfalls eine Schwesternschaft unter den betroffenen Künstlerinnen - mögen uns diese Bande tragen und uns stärker machen, als jene Männer die gegen die Sichtbarkeit von Frauen* arbeiten.
Anbei einige Eindrücke aus Triest mit Fotos von: Birgit Schweiger, Dora Mai, Lenny Steinhauser, Volcano Visual Studio





















